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Was bedeutet 'Amarna'?

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Die ägyptische Ruinenstadt Tel el Amarna befindet sich rund 400 km südlich von Kairo und 100 km nördlich von Asyût am Ufer des Nils. Der Name geht auf die kleine Ortschaft "El Till" zurück, was soviel bedeutet wie "kleiner Hügel". Das Wort "Amarna" wiederum stammt von einem Beduinenstamm, der in dieser Ortschaft siedelte.

Bekannt wurde Tel el Amarna, als um 1887 eine Bäuerin dort bei Feldarbeiten mehrere Tafeln mit Schriftzeichen entdeckte. Weitere Ausgrabungen und Untersuchungen zeigten, dass es sich dabei um diplomatische Korrespondenzen der Pharaonen Amenophis III. und Amenophis IV. handelt, die diese mit den Herrschern der umliegenden Reiche führten.

In den folgenden Jahrzehnten legten mehrere Expeditionen in Tel el Amarna Fundamente von Wohnhäusern, Werkstätten, Palästen und Tempeln frei und förderten zahlreiche, mehr als 3000 Jahre alte Alltags- und Kunstgegenstände zu Tage. Denn Tel el Amarna ruht auf den Überresten der alten prunkvollen Stadt Achet-Aton (das bedeutet: Der Horizont des Gottes Aton, dargestellt durch eine Sonnenscheibe), die von Pharao Amenophis IV. und seiner Gemahlin Nofretete erbaut wurde und für kurze Zeit die neue Hauptstadt Ägyptens bildete.

Pharao Echnaton (Amenophis IV.)

Der um 1390 v. Chr. als zweiter Sohn des Pharao Amenophis III. und dessen Frau Teje geborene Amenophis IV. (auch: Amenhotep IV.) bestieg um 1350 v. Chr. den Thron Ägyptens, das er rund 20 Jahre lang bis zu seinem Tod regierte. Während sich Amenophis IV. zu Beginn seiner Regentschaft noch an die überlieferten Riten und Traditionen seiner Vorfahren hält, setzt er im Laufe der Jahre immer mehr Änderungen im politischen, geistigen und künstlerischen Leben durch. Bereits sein Vater Amenophis III. unternam erste Schritte hin zu derartigen Veränderungen und auch seine emanzipierte Mutter Teje und seine Frau Nofretete (d.h.: Die Schöne ist gekommen) beeinflussten Amenophis' Politik massgeblich. Doch erst durch seine Radikalität wird die Regierungszeit Amenophis' IV. zu einem Zeitabschnitt, der einen "Bruch im kontinuierlichen Ablauf der ägyptischen Geschichte darstellte" (1).


Bezaubernd und anmutig wie junge Götter; so stellen sich Dokumentarfilmer heute das Herrscherpaar aus Amarna vor.

Die einschneidendste Veränderung für die damalige ägyptische Gesellschaft war mit Sicherheit Abschaffung und Verbot des alten polytheistischen Götterglaubens. Amenophis IV. ersetzte die vielen damals verehrten Götter durch einen einzigen Gott: Aton, die Sonne, den Schöpfer allen Lebens, dargestellt als Sonnenscheibe und schuf so den ersten Monotheismus der Menschheit. Damit entmachtet der Pharao auch die Priester der alten Götter, die in den vergangenen 1000 Jahren unermesslichen Reichtum angehäuft und bedeutenden politischen Einfluss gewonnen hatten. Seinen Namen Amenophis, der dem bisher mächtigsten Gott Amun gewidmet ist, änderte er in Echnaton (d.h.: Dem Aton wohlgefällig). Waren die bisherigen Tempel düstere, mysteriöse Orte, in denen die jeweiligen Götter als Statuen im Verborgenen wohnten und die nur der eingeweihten Priesterschaft zugänglich waren, so sind die neuen Aton-Tempel helle, offene Anlagen in die der Schöpfergott Aton, die Sonnenscheibe selbst, für jederman sichtbar hinein scheint. Auch viele vergeistigte Aspekte der bisherigen Religion wie Unterwelt, Tod und Jenseits verdrängte Echnaton. "Seine neue Religion verstand sich als eine Religion des Hier-und-Jetzt: Sie wollte die von den Menschen konkret erlebte Realität des täglichen Lebens vermitteln, das, was man in der Welt tatsächlich sehen, greifen und sinnlich erfahren konnte." (2)

Echnaton beschneidet außerdem die Rechte der alten Aristokratenfamilien und setzt statt ihrer Söhne oft ihm treue Gefolgsleute bürgerlicher Herkunft in hohe Regierungsämter ein. Nach außen sichtbares Zeichen des Bruches mit der Vergangenheit ist auch die Aufgabe der bisherigen Hauptstadt Theben und die Errichtung einer neuen Stadt, Achetaton, rund 450 km nördlich von Theben. Innerhalb kürzester Zeit entsteht inmitten der Wüste eine so prunkvolle Stadt, dass diese vielen wie vom Himmel herabgekommen erscheint und sicher auch als Anleihe für die späteren Beschreibungen des himmlischen Jerusalem in der Bibel gedient haben mag.

Neben der Religion erfährt auch die Kunst, das geistige und öffentliche Leben unter Echnaton eine starke Wandlung. Zum ersten mal zeigt sich ein Pharao, der zu damaliger Zeit als Inkarnation eines Gottes angesehen wurde, als Mensch. Er tritt in der Öffentlichkeit gemeinsam mit seiner Frau Nofretete auf und lässt Bildnisse anfertigen, die Szenen seines Familienlebens zeigen, z.B. den zärtlichen Umgang mit seinen Töchtern oder einen Spaziergang Hand-in-Hand mit seiner Frau. Bei offiziellen Anlässen sitzt Nofretete neben Echnaton auf dem Thron und trägt oft sogar eine Krone, die bisher nur männlichen Herrschern vorbehalten war. Derartiges wäre noch eine Generation vor Echnaton undenkbar gewesen.


Echnaton hält eine seiner Töchter im Arm. Die Strahlen der Sonne oben rechts, des Schöpfergottes Aton also, werden als Arme dargestellt, die das Lebenszeichen an die Nasen Echnatons und seiner Tochter halten.

Die Herrschaft Echnatons hat aber auch ihre Schattenseiten. Der neu gestiftete Aton-Kult und das damit einhergehende strenge Verbot der Verehrung der alten Götter führte zu einem Klima der religiösen Intoleranz, in der anders Denkende durch einen Polizeiapparat verfolgt und ihre Zeremonien und Kulte mit aller Härte unterdrückt wurden. Da Echnaton sich fast ausschließlich der Ausgestaltung seines neuen Glaubens widmete, vernachlässigte er darüber hinaus seine außenpolitischen Pflichten. So blieben die Bitten seiner Vasallen in den Grenzregionen um militärischen Beistand ungehört, und viele seiner treuen Gefolgsleute gingen aufgrund der fehlenden Unterstützung unter dem Ansturm der mächtigen Hethiter zugrunde.

Die Meinungen der Historiker über die Bedeutung Echnatons trifften daher - wie bei vielen historischen Persönlichkeiten - weit auseinander. "Von einigen als erster Individualist der Geschichte gefeiert, von anderen als religiöser Fanatiker angesehen, der Ägypten an den Rand des Untergangs manövrierte, fällt es nicht leicht, sich ein ausgewogenes und vorurteilsfreies Bild von ihm zu machen." (2)

Die von Echnaton entmachtete Priesterschaft und die benachteiligten Schichten des Adels bereiteten unterdessen im Stillen die Rückkehr zur alten Ordnung und ihrer damit verbundenen Machtstellung vor. Um 1338 v. Chr. stirbt Echnaton und sein Nachfolger Semenchkare überlebt ihn nur um kurze Zeit. Für den darauf folgenden 9-jährigen Pharao Tutanch-Aton, einen Schwiegersohn Echnatons, übernehmen aufgrund seines zarten Alters Priester und Adelige die Regierungsgeschäfte und machen sämtliche Veränderungen Echnatons rückgängig. Im Zuge der Restauration der Amun-Verehrung wird u. a. der Name des neuen Pharaos in Tutanch-Amun geändert. Der Aton-Kult und sämtliche Erinnerungen an Echnaton werden verboten. Unter den folgenden Herrschern wird Echnaton zum Ketzer-König erklärt und alle Namenssymbole und Inschriften, die auf Echnaton verweisen, werden vernichtet. Die Stadt Achetaton wird übereilt verlassen; Tempelbauten und Paläste werden abgetragen und ihre Steine zum Aufbau neuer Anlagen verwendet. Später wird die Stadt mit einem Bannfluch belegt und der Bereich des ehemaligen großen Aton-Tempels wird vollständig zementiert, damit an dieser Stelle nie wieder ein Grashalm wachsen möge.

Echnatons Lehre wurde jedoch nicht vollständig getilgt, sondern in bestimmten eingeweihten Kreisen als Geheimlehre weiterverbreitet. Es gilt heute als wahrscheinlich, dass der neue Glaube an den einzigen Schöpfergott, Aton, den Glauben des jüdischen Volkes stark beeinflusste, das rund 50 Jahre nach Echnaton unter seinem Führer Mose aus Ägypten ausziehen musste; zu einer Zeit also, als der Atonkult und damit der Ein-Gott-Glaube bereits wieder verboten war. Im Volk Israel gab es lange Zeit ebenfalls heftige Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Monotheismus und des Polytheismus. Erst 600 Jahre später, als das 5. Buch Mose "größtenteils fertig vorlag, war die fortan massgebliche Lehre [ von dem einem Gott Jahwe, Anm. des Verf.] so formuliert, dass man ihr entsprechend auch die älteren Überlieferungen redigieren konnte." (3) Ein bis in unsere Tage hinein erhaltener Gruß Echnatons an die Nachwelt ist der 104. Psalm des alten Testamentes der Bibel, der unzweifelhaft auf einen Hymnus Echnatons zu Ehren seines Schöpfergottes Aton zurückgeht.

Die Amarna-Kunst

Da die Stadt Achet-Aton nach Echnatons Tod verlassen und nie wieder besiedelt wurde, fanden sich bei Ausgrabungsarbeiten am Ende des 19. Jahrhunderts viele Statuen, Stuckmasken, Mosaike, Tontafeln und alltägliche Gegenstände, die Aufschluss über die Regierungszeit dieses Pharaos geben. Bis zu Echnatons Thronbesteigung wurde der Pharao und königliche Familienmitglieder stets in einer stilisierten, überhöhten Form dargestellt, die individuelle Merkmale vernachlässigte und die göttliche Erhabenheit des Pharaos untersteichen sollte. Echnaton änderte diese Praxis und verlangte nach einer neuen Art der Darstellung, die sich an der Natur orientieren und realistisch jedes - auch noch so unschöne - Detail der gezeigten Person wiedergeben sollte. Diese neuartige Praxis wurde auf dem Höhepunkt der Amarna-Periode sogar soweit getrieben, dass alle hässlichen Merkmale des Pharaos bewußt herausgestellt und expressiv übertrieben wurden. Später kehrten die Künstler wieder zur Ausgangsform zurück und schufen auf Naturbeobachtungen und Studien am Menschen basierende, realistische Darstellungen, wie sich besonders an den in einer Bildhauerwerkstätte gefundenen Stuckmasken von Mitgliedern der königlichen Familie zeigt. Zu den bekanntesten Plastiken zählt eine Büste der Nofretete, die heute im Ägyptischen Museum in Berlin-Charlottenburg zu sehen ist.


Zwei Plastiken Echnatons. Während rechts bestimmte Merkmale seines Gesichtes übertrieben dargestellt werden, orientiert sich der linke Kopf eher an der Realität.


Links: Eine weniger bekannte Plastik der Nofretete. Rechts: Die bekannteste Büste, die von einer deutschen Expedition (1911 - 1913) in Amarna ausgegraben wurde und heute im Ägyptischen Museum in Berlin zu sehen ist, verließ offenbar nie die Werkstatt ihres Herstellers und diente lediglich als Vorlage für andere Kunstwerke, weshalb ihr linkes Auge nie eingefügt wurde.

Die in Echnatons Regierungszeit entstandenen Plastiken und Bildnisse werden heute als Amarnakunst bezeichnet. Steffen Wenig schreibt darüber in seinem gleichnamigen Buch: "Neben diesen Stuckmasken, die uns das einzige Mal in der ägyptischen Kunstgeschichte authenthisch das Aussehen altägyptischer Menschen überliefern, werden die Bildnisse der Amarna-Kunst für immer zu dem Besten zählen, was je von Künstlerhänden hervorgebracht wurde." (1)


Links: Ein Relief zeigt zwei junge Prinzessinnen. Rechts: Eine bemalte Glasvase in Fischform.

Quellen:

(1) Steffen Wenig (Hrsg.): "Meisterwerke der Amarnakunst", 1977, Insel-Verlag Leipzig.

(2) Heike Sternberg-el Hotabi: "Revolution am Nil" in DAMALS - Das aktuelle Magazin für Geschichte und Kultur, Ausgabe 10/2000, S. 10 ff.

(3) Eberhard Orthbrandt: "Geschichte der grossen Philosophen und des philosophischen Denkens", Verlag Werner Dausien Hanau.

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